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Agents of Edgewatch – die Miniaturen unter der Lupe

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Begleitend zum neuen Abenteuerpfad Agents of Edgewatch für Pathfinder bietet Paizo Inc. in Partnerschaft mit WizKids eine Reihe bemalter Miniaturen an, mit denen das Spiel auf Battlemaps maßstabsgetreu unterstützt werden kann. Ob man diese Figuren verwendet, um NSC abzubilden, oder ob man sie als Repräsentation der Spielercharaktere nutzt, hängt davon ab, wie genau man die Kampagne Agents of Edgewatch spielen möchte. Paizo hatte dazu erst kürzlich angekündigt, verschiedene Optionen anbieten zu wollen.

Nicht zuletzt im Licht der damit einhergehenden Debatte von Zuspruch und Kritik, Versprechen und Skepsis werfen wir einen genaueren Blick auf die Miniaturen durch die Betrachtungslinse unserer Grafikredaktion. Wir haben außerdem mit Paizo und WizKids gesprochen, um zahlreiche Fragen zu klären.

Die Edgewatch-Miniaturen

Die Kurzzusammenfassung vorweg: Die Miniaturen von WizKids werden in China hergestellt, sind bereits fertig produziert und im Allgemeinen von einer hohen, technischen Qualität. Sie repräsentieren die Edgewatch-Stadtgarde von Absalom sowie einige ihrer Gegenspieler. Die Figuren zielen darauf ab, vielfältig und abwechslungsreich zu sein sowie Spannung und Spielspaß zu fördern. Dabei vergreifen sie sich ein wenig im visuellen Ton und arbeiten mit bedenklichen Klischees und einer teils bedrückenden Bildsprache. Hier nun aber die umfangreichere Betrachtung.

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider – weil mein Schatz ein Jäger ist?

Grün waren die Uniformen der preußischen Gendarmerie, nach dem Vorbild der Armee-Gendarmerie und zurückgreifend auf die Tradition deutscher Jäger-Uniformen. Damit sind nicht die Leute gemeint, die im Wald nach Wildschweinen jagen. Jäger im militärischen Sinne sind Plänkler-Einheiten, die mit Schusswaffen ausgerüstet sind und in loser Formation kämpfen. Diese Einheiten trugen traditionell grüne Uniformen. Den Geist dieser Einheiten wollte man dann auch aufgreifen und transportieren, als man die Armee-Gendarmerie in grüne Uniformen kleidete. Ein Armee-Gendarm war mobil und konnte nahezu überall auftauchen und seine Arbeit allein oder in kleinen Gruppen tun. Diesem Vorbild und Credo folgte dann auch die preußische Gendarmerie, die später auch das Vorbild für die Sicherheitspolizei der Weimarer Republik war.

Dieses Auftreten war den Siegermächten des Ersten Weltkriegs aber zu offen militaristisch, weshalb man intervenierte und die Einführung blauer Uniformen bewirkte. Es waren schließlich die Nationalsozialisten, unter denen die Polizei wieder im Auftreten militarisiert wurde. Polizeiuniformen wurden also wieder grün.

Die Uniformen der Stadtwache von Absalom, der sogenannten Edgewatch, sind in einem Blaugrün gehalten. Nicht ganz blau, nicht ganz grün. Meerschaum wird die Farbe auch genannt und erinnert an ein dunkleres Mintgrün mit Blaustich. Die ersten Bilder, die ich von den Edgewatch Miniaturen gesehen habe, hatten eine leichte Farbverschiebung und wirkten ausgesprochen grün. Da zuckte ich mit meiner Vorprägung durch die deutsche Polizeigeschichte ein wenig zusammen und beschloss, mir das Ganze etwas genauer anzugucken.

Edgewatch in der (Selbst)Kritik

Die Edgewatch-Kampagne, Agents of Edgewatch, stand schließlich gerade in der Kritik. Paizo hat erst kürzlich, der Veröffentlichung der Kampagne vorauseilend, ein umfangreiches Statement veröffentlicht, um etwaige Bedenken anzusprechen. Zu einer Zeit, in der Armut und Angst in den USA um sich greifen und wo es zu zahlreichen Ausschreitungen und Plünderungen gekommen ist, sehen einige die Polizei im Allgemeinen in einem eher negativen Licht. Einigen Bevölkerungsgruppen in den USA gilt sie ohnehin bereits seit Jahrzehnten mehr als Besatzungsarmee denn als Freund und Helfer. Genau diese Ängste und Sorgen möchte Paizo explizit nicht bedienen. Die Stadtwache von Absalom soll keine Macht der rassistischen Unterdrückung sein. Werden die Miniaturen diesem Anspruch gerecht? Ich habe recherchiert und nachgefragt.

Erstmal tief durchatmen

Meinem ersten Zusammenzucken aufgrund der Uniform-Farbe folgend kann man hier erstmal aufatmen. Traditionell ist grün zwar die Farbe militarisierter Staatsmacht. Preußen mochte es grün und die Nazis ebenso. Auch die Grenztruppen und sogenannten Volkspolizisten des SED-Regimes trugen grün und bis heute ist grün überall dort als Polizeifarbe gern gesehen, wo man von Demokratie und Menschenrechten nicht sehr viel hält. China ist da ein markantes Beispiel. Andere Länder kleiden ihre Polizei in grün als Teil eines autokratischen Erbes. Auch die deutsche Polizei hielt noch lange an ihren grünen Uniformen fest und das Grün der Polizei von Vietnam geht direkt auf die Zeit zurück, als Polizei und Armee nur von einer sehr dünnen Linie getrennt waren.

Fiktion ohne Ballast?

Die Edgewatch aber trägt keine grüne Uniform aufgrund einer paramilitärischen Tradition. Diese Betrachtungsweise war den Verantwortlichen bei Paizo und Wizkids so auch gar nicht bekannt, wie ich auf Nachfrage erfahren konnte. Nein, die Edgewatch trägt Meerschaum, weil das einfach die Farbe der Fahne und des Wappens von Absalom ist. Meerschaumfarbener Schild mit geflügeltem Auge und Kronen.

Und anders als die deutsche Polizei steht die Stadtwache von Absalom in keiner langen Tradition. Absalom ist nicht das Produkt eines komplexen Weltenbaus nach holistischen Prinzipien über viele Schritte hinweg. Es ist, wie es ist, weil es exakt so aus dem Nichts erschaffen wurde und ich halte es für glaubwürdig, dass den Verantwortlichen bei Paizo und Wizkids keine Bedeutungsbezüge grüner oder grünlich anmutender Polizeiuniformen bewusst waren.

In den USA ist das schlicht kein Thema. Sheriff und Marschall trugen früher Zivilklamotten mit Stern an der Brust, bis die Polizeikräfte in Amerika schwarz und blau nach englischem und französischem Vorbild der Metropolpolizeien wurde. Nur sehr wenige Polizeikräfte in den USA tragen heute grün. Viele davon sind Park Ranger und County SWAT.

Mehr als nur eine Uniform

Nun ist die Edgewatch aber mehr, als nur die Farbe ihrer Uniformen. Und genau hier verliert sie auf einen Schlag einen Großteil ihrer Unschuld, denn die Darstellung der Angehörigen dieser Polizeitruppe ist auf den ersten Blick eindeutig. Während man im Abenteuerpfad Ermittler spielt, wie Paizo selbst schreibt, inspiriert von Sherlock Holmes, so präsentiert sich die Edgewatch in den bemalten Minifiguren von WizKids äußerst martialisch.

Die Edgewatch trägt schwere Rüstungen, Plattenteile und Helme. Dazu kommen Schilde und schwere Schlagstöcke, die bereits an Streitkolben grenzen. Die Edgewatch ist keine Friedensmacht und kein Freund und Helfer. Sie ist, in Ausrüstung und Pose, eine Macht brutaler Staatsgewalt, bereit, ein Aufbegehren im zivilen Raum niederzuknüppeln. Auch der Captain der Edgewatch wird gerüstet dargestellt, mit Schild am Arm in einer aggressiv wirkenden, scheinbar Befehle brüllenden Pose. Von den Ermittlern im Stil eines Sherlock Holmes ist weit und breit nichts zu sehen. Hier widerspricht das Handeln von Paizo und WizKids dem Anspruch, den sie an ihre Arbeit und Außenwahrnehmung stellen. Klischees bewaffneter Polizei wurden hier reproduziert, ohne lange nachzudenken.

Imperialistisches Erbe?

Dabei wurden auch rassistische und imperialistische Einflüsse verarbeitet. Mit Helmen, die an die Bobbyhelme der englischen Polizei erinnern (welche wiederum auf die preußische Pickelhaube zurückgehen), und einigen Figuren mit dunkler Hautfarbe, die stark an Inder erinnern, rufen einige der Figuren Bilder und Erinnerungen an die Ausbeutung und den Terror des britischen Kolonialimperiums ab, wo gerade auch einheimische Hilfstruppen für die Kontrolle des Machtanspruchs genutzt wurden.

Auch im Rückfluss der Menschen in das imperiale Mutterland sind indisch-stämmige Polizisten heute in vielen Städten Englands keine Seltenheit. Dabei handelt es sich oft um Sikh. Dazu passt, dass die dunkelhäutige Figur einen Vollbart trägt, sehr im Stile eines männlichen Sikh, wohingegen die weißen Männerfiguren glatt rasiert sind. Ein englischer Sikh würde natürlich keinen Bobbyhelm tragen, sondern den traditionellen Turban. Die Ähnlichkeiten und die damit verbundenen Impressionen sind jedoch davon unbetroffen.

Diese Eindrücke waren WizKids so nicht bewusst, wie man mir auf Nachfrage versicherte, und ich bin geneigt, dieser Bekundung glauben zu schenken. Ein Bewusstsein für die englische Kolonialgeschichte ist etwas, das ich bei einer amerikanischen Spielefirma nicht erwarte. Ein Ding der Unmöglichkeit, solche Eindrücke zu vermeiden, ist es allerdings nicht.

Halb-Ork, Captain, Gardistin

Wie sieht es mit der Vielfalt aus?

Wie steht es, abseits von Ausrüstung und Posen, mit der Vielfalt der angebotenen Abbilder? Die Figuren sind ohne Frage divers, sowohl in Subspezies, als auch in Ethnie und Geschlecht. Männer, Frauen, verschiedene Hautfarben und auch mindestens ein Halb-Ork. Ein Verdacht von systemischem Rassismus ist hier zumindest gegenüber der fiktiven Edgewatch nicht naheliegend und Paizo scheint aufrichtig bemüht zu sein, einen solchen auch bewusst zu vermeiden. Dass die Figuren so vielseitig sind, ist kein Zufall, wie mir Mark Moreland, DoBS bei Paizo, auch versicherte. Es fällt zwar auf, dass die Anführer-Person, der Captain der Edgewatch, ein hellhäutiger Mann ist, aber das bedeutet für sich allein nichts.

Gesamteindruck der Miniaturen

Zusammenfassend muss ich sagen, dass mein Eindruck von den Figuren und dem, was sie repräsentieren, tendenziell eher negativ ist. Sie sind in meinen Augen recht deutlich Abbilder eines unkritischen Polizeibildes, bei dem es legitim scheint, die Ordnung mit militaristischer Autorität und brutaler Gewalt durchzusetzen. Die Miniaturen vermitteln mir kein positives Bild von der Edgewatch in ihrer Rolle als Polizei der Stadt Absalom.

Sie repräsentieren jedoch eine durchaus diverse Polizeitruppe, in der zumindest realweltliche Ethnien ein Echo haben und sich wiederfinden können. Wie stark Frauen und Nicht-Menschen insgesamt repräsentiert sind, vermag ich aufgrund der verfügbaren Bilder nicht zu beurteilen. Dass sie aber grundsätzlich eine Rolle spielen, ist ein positives Zeichen.

Betrachtung und Einordnung

In meiner Kommunikation mit Paizo und WizKids habe ich nicht den Eindruck gewonnen, dass diese negativen Eindrücke in irgendeiner Weise beabsichtigt waren. Beide Unternehmen scheinen mir hier Opfer des kulturellen Hintergrunds und der Lebenserfahrungen ihrer Mitarbeiter und Mitwirkenden zu sein. Die Darstellung der Edgewatch, ihr martialisches Auftreten, scheint mir eher positiv gemeinten Actionfilmen zu entspringen und der sozialen Konditionierung einer Gesellschaft, die lange Zeit ein blindes Auge für Polizeigewalt hatte. Natürlich rührt das auch nicht zuletzt daher, dass diese Firmen selbst nur selten ausgesprochen divers besetzt sind. Das Bewusstsein, dass dies keine Stärke ist, scheint aber vorhanden zu sein. Die Einbeziehung verschiedener Hautfarben und Geschlechter, ist ein gutes Zeichen und zeigt auf, dass die sozialen und kulturellen Kämpfe der letzten Generation durchaus Früchte getragen haben.

Kämpferisch auf Battlemaps

Nicht zuletzt ist ein Teil des Problems auch der Verwendung der Figuren selbst innewohnend. Es sind schließlich Kampf-Miniaturen, die auf Battlemaps in gespielten Kämpfen verwendet werden. Dass diese Figuren dabei eine kämpferische Pose haben, ist naheliegend. Es ist nicht die kreativste Lösung und es repräsentiert die Polizei im Licht ihrer dunkelsten Rolle als Gewaltmittel der Herrschenden, aber es ist wohl eher die Folge von Gedankenlosigkeit und unkritischen Assoziationen, als die von bösen Absichten.

Ein Ausbau der Figurenlinie ist langfristig zwar noch nicht direkt geplant, aber auch explizit nicht ausgeschlossen. Vielleicht wären dann auch ein paar Figuren denkbar, die nicht nur den gerüsteten Gardisten bei der Aufstandsunterdrückung zeigen, sondern auch den Ermittler, den Beschützer und den Freund und Helfer? Die nun zum Abenteuerpfad erscheinenden Figuren sind jedenfalls final und bereits fertig produziert.

Eine Frage der Logistik

Während die grundsätzliche Problematik von Polizeigewalt bzw. der Rolle der Polizei in Amerika keine Neuigkeit ist, so ist es zumindest die öffentliche Debatte und mediale Repräsentation der Missstände. Hergestellt wurden die Figuren in der Volksrepublik China. Das bedingt auch, dass die Produktion der Miniaturen nicht mehr auf die aktuellen Entwicklungen in den USA reagieren konnte. Zwischen der Auslieferung solcher Figuren, der Produktion und Verpackung, der Vorbereitung der Produktionsstraßen und dem Design vergehen nach der ursprünglichen Konzeption viele Wochen und Monate. Als die ersten Vorschaubilder der Figuren veröffentlicht wurden, war diese Maschinerie bereits unaufhaltsam angelaufen.

Schlusswort

Qualitativ sind die fertig bemalten Figuren, die WizKids anbietet, im Allgemeinen von hoher Qualität, sowohl in Materialqualität und Haltbarkeit, als auch bezüglich der Bemalung. Das kennen Kunden von WizKids bereits von früheren Produkten so. Wer seine Miniaturen selbst bemalt, kann bessere Resultate erreichen, aber dazu gehört etwas mehr, als sich Farben und Pinsel zu kaufen.

Paizo und WizKids haben auf meine Fragen umfangreich und zeitnah geantwortet. Auch auf einige, die ich bewusst pointiert und bissig formuliert hatte. Ich danke beiden Unternehmen und meinen Gesprächspartnern im Speziellen, für die Zusammenarbeit.

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Tony

Ich muss auch irgendwie zugeben, die Miniaturen lösen bei mir Assoziationen mit Blood Bowl aus.

Tony

Naja, sind halt keine Skaven oder Orkboyz 🙂

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