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Pen & Paper Online – Rollenspiel über das Internet, Teil 1

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Lesezeit: 5 Minuten

Als ich mit Rollenspielen anfing, gab es noch kein Internet wie wir es heute kennen. Das war noch vor Robert T. Online und wann immer ich mich in das Netz einwählte, gab es zuerst einen Heidenlärm aus dem wild düdelnden Modem. Danach kam die freundliche Roboterstimme, die „Welcome to Compuserve!“ verkündete. Selbst ICQ, an das sich viele der heute jüngeren Spieler nicht einmal mehr erinnern werden, lag damals noch Jahre in der Zukunft. Ein mittelgroßes JPG oder GIF zu laden konnte Minuten dauern. Chaträume funktionierten, aber sie waren noch sehr krude, unzuverlässig und rudimentär. Es war also kaum daran zu denken, dass das Internet irgendetwas mit Rollenspiel zu tun haben könnte.

Die Zeiten ändern sich

Heute spielen Abertausende von Rollenspielern tagtäglich über das Internet miteinander. Sie benutzen dazu die unterschiedlichsten Mittel und Wege, von IRC und Discord über Voicechat und Videochat bis hin zu Spezialanwendungen, die ausschließlich zu genau diesem Zweck konzipiert wurden.

Einen Einblick in diese Szene gebe ich euch heute in Zusammenarbeit mit Bryon und HyruLean von der Drachenzwinge, die mir für diesen Artikel mit ihrer Expertise zur Seite standen.

Kurz: Was ist die Drachenzwinge?

Die Drachenzwinge ist eine Community für das digitale Spielen von Pen & Paper Rollenspielen. Sie existiert bereits seit etwas mehr als zehn Jahren (September 2006) und ist auf eine stattliche Community von über 6.000 Mitgliedern angewachsen, aus denen wiederum etwas mehr als 600 Spielgruppen hervorgegangen sind, die regelmäßig miteinander spielen.

Die Drachenzwinge ist kein Anbieter für Online-Spiel, sondern ein Aggregator, ein Netzwerk, oder internetfachsprachlich: ein Hub. Interessierte finden dort andere Rollenspieler, um gemeinsam online über Sprachtools mit Hilfe von virtuellen Spieltischen auf den Pfaden Aventuriens zu wandern, Ringgeistern in den Weg zu treten, in die Schatten Seattles einzutauchen, im Krieg der Sterne die Rebellion zu unterstützen und vieles mehr. Kurz: eine Online-Partnerbörse für Rollenspiel.

Damit ist die Drachenzwinge vergleichbar mit der Funktion, die früher in den Rollenspielläden meiner Jugend eine große, eckige Korkplatte an der Wand erfüllt hat, wo man nach Mitspielern suchen konnte. Die Rollenspielläden von damals sind alle dicht und vergessen und was damals das schwarze Brett war, das ist nun eben beispielsweise die Drachenzwinge und andere, vergleichbare Portale.

Soweit, so gut. Für alle, die noch nie online gespielt haben, ist das vermutlich gar nicht so interessant, denn zu allererst stellt sich ja die Frage: Wie genau funktioniert Rollenspiel über das Internet?

Wie wird online gespielt?

Für das Pen & Paper Rollenspiel ohne Pen und ohne Paper gibt es verschieden Möglichkeiten und Hilfsmittel. Drei prominente, die beispielsweise im Rahmen des Drachenzwinge-Projektes umfassend genutzt werden, sind MapTool, Fantasy Grounds und Roll20.

Alle drei Tools besitzen die Möglichkeit, gemeinsam auf einen virtuellen Spieltisch zuzugreifen. Dort sind dann Karten, Bilder und Charakterbögen zu sehen und Würfelergebnisse werden für alle sichtbar auf dem Monitor angezeigt. Zusätzlich kann über einen Chat kommuniziert werden. Spielleiter können zudem auf Zusatzfunktionen wie verstecktes Würfeln, das Aufdecken von (verdeckten) Kartenabschnitten, und Verwaltungsmöglichkeiten für Nichtspielercharaktere zugreifen.

Dabei steht es einem natürlich frei, wieviele dieser Optionen man für sich nutzen möchte. Man kann über Liveschaltung und Videochat spielen, genauso gut aber auf das Videobild verzichten und lediglich Sprachchat verwenden. Oder man spielt allein auf Textbasis.

Die verwendeten Programme können benutzt werden, um taktische Karten zu teilen, auf denen die Spieler sehen können, wo der eigene Charakter sich befindet. Es können aber auch Stimmungs- und Charakterbilder ausgetauscht und gezeigt werden.

Welcher Sprachclient?

Prinzipiell kann man jede Chatsoftware verwenden, um online zu spielen. Von Skype über Mumble bis hin zu den derzeit dominanten Programmen Teamspeak und Discord. Die meisten bieten eine Kombination aus Sprachkanälen und Textkanälen, was für das Onlinespiel ideal ist. Bei den anderen Optionen wie Videobild, Dateiaustausch und Emojis gibt es deutliche Unterschiede. Auch die Sprachqualität unterscheidet sich. Viele Spieler sind der Meinung, dass bei der Tonqualität Teamspeak die Nase vorne hat.

Bei der Wahl des richtigen Sprachclienten spielen aber zahlreiche Faktoren eine Rolle und die Technologie entwickelt sich unablässig weiter. Was heute noch die bessere Software ist, kann bereits morgen ins Hintertreffen geraten. Emotionale Bindung und Gewöhnung an eine Plattform schwingen dabei nicht selten mit, so dass subjektive Qualitätsunterschiede bisweilen Einbildung sind. Am Ende spielt es keine Rolle, was man verwendet, solange es den eigenen Ansprüchen gerecht wird und zuverlässig funktioniert.

Derzeit vereint Discord eine Menge Vorteile, da es sehr leicht ist, einen Account zu erstellen, und einem Discord auf Windows ebenso wie auf Mac oder Linux zur Verfügung steht. Discord gibt es zudem als eigenständige App oder als Browseranwendung. Außerdem erlaubt es zusätzlich zu Audiochat und Textchat auch vollintegrierten Datenaustausch, flexibles Rollen-Management und die Möglichkeit, nach Belieben den lokalen Nutzernamen zu ändern. So kann man den Namen des verkörperten Charakters für die Zeit des Spiels annehmen, was manche Spieler immersionsfördernd empfinden.

Welche Möglichkeiten gibt es, Karten oder Würfel darzustellen?

Für die Darstellung von Kartenmaterial oder Würfelproben gibt es, wie schon erwähnt, virtuelle Spieltische. Drei prominente Hilfsmittel sind derzeit das MapTool, Fantasy Grounds und Roll20.

MapTool und Roll20 sind kostenlose, frei verfügbare Anwendungen. Beide besitzen Möglichkeiten, um das Online-Spielen verschiedener Systeme zu vereinfachen. Was schlussendlich in einer Runde verwendet wird, entscheidet oft der Spielleiter und ist davon abhängig, was er bevorzugt, womit er mehr Erfahrung hat oder auch ob ein geeignetes Ruleset vorhanden ist.

Für viele unterschiedliche Rollenspiele, wie z.B. Das Schwarze Auge, Splittermond oder Call of Cthulhu, gibt es durch die Fangemeinde erstellte Erweiterungen in Form von Charakterbögen und Würfelmechanismen.

Ein großer Unterschied zwischen den beiden Tools ist zum einen die Technik. Roll20 ist Webbrowser-basiert, MapTool hingegen eine Java-Anwendung. Zum anderen bietet Roll20 eine Möglichkeit, Online-Runden auszuschreiben oder zu finden. Zusätzlich sind zwei weitere kostenpflichtige Versionen verfügbar, deren Abonnement weitere Funktionen freischaltet (wie z.B. das Erstellen eigener Skripte, Licht & Schatten). Einige dieser Funktionen sind bei MapTool kostenlos enthalten, sofern es Vergleichbares bei MapTool überhaupt gibt.

Die Krönung unter den Spieltools

Fantasy Grounds ist die aktuelle Krönung unter den Online-Spieltools, auch wenn eine solche Bewertung in einem ständig wandelbaren Markt und einer turbulenten Szene eine kurze Halbwertszeit hat. Fantasy Grounds bietet einen ansprechenden Hintergrund, besitzt sehr gute Würfelsimulationen und hochwertige Charakterbögen mit verschiedenen Zusatzfunktionen. Es ist grafisch – mit Abstand – das derzeit attraktivste Tool.

Allerdings ist Fantasy Grounds kostenpflichtig und die Nutzung der höheren Funktionen etwas umständlicher als bei den anderen virtuellen Spieltischen. Für den deutschsprachigen Raum sind nur wenige Rulesets verfügbar, darunter DSA 4.1, Shadowrun 4 und Space 1889. Der Anbieter selbst stellt Rulesets und ganze Kampagnen für unterschiedliche, meist englischsprachige Rollenspielsysteme zur Verfügung.

Das ist aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Das Online Pen & Paper Segment ist noch jung und es ist noch viel Luft nach oben. Bereits jetzt lauert die nächste Generation virtueller Spieltische in den Startlöchern. Einige davon vollständig virtuell, also mit VR-Headset und dreidimensionalen, sogar animierten Objekten und Umgebungen. Wir dürfen gespannt bleiben und werden natürlich über derartige Neuerungen im Rahmen spezifischer Artikel berichten.

Ausblick

Soviel zu den grundsätzlichen Konzepten und Programmen, die beim Online-Rollenspiel zur Anwendung kommen. In einem weiteren Artikel wird es dann in Bälde um einige Besonderheiten, Parallelen und Unterschiede gehen. Dabei ziehen wir dann auch einen Vergleich zum konventionellen Spielen.

Dieser Artikel entstand in enger Zusammenarbeit mit Bryon und HyruLean von der Drachenzwinge-Community, auf deren persönlichen Erfahrungen und Recherchen er sich stützt. Beide werden hier auf eigenen Wunsch bei ihren Online-Community-Namen genannt. Ich bedanke mich für die Unterstützung und für das uns entgegengebrachte Vertrauen.

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Kreggen
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Kreggen

Ich rate jedem Spieler, der nicht ausgelastet ist oder eine neue (oder zusätzliche) Runde sucht oder einfach mal was neues ausprobieren möchte, mal bei der Drachenzwinge vorbeizuschauen und diese Art des Spielens auszuprobieren. Nur so kann man sich ein Urteil darüber bilden, ob diese Art des Spielens was für einen ist oder nicht. Ich hatte zum Glück die Möglichkeit, ein halbes Jahr in einer wöchentlichen Runde spielen zu können, um das zu testen.