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Science of Storytelling – vom Erzählen einer Geschichte

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Lesezeit: 4 Minuten

Was macht eine gute Geschichte aus? Eine gute Geschichte kann vieles sein, ein Märchen, eine Unterhaltung oder ein Artikel, so wie dieser hier. Sie kann Türen öffnen, Probleme angehen oder das Eis brechen. Aber warum ist das so? Als der Mitbegründer von Buffer, Leo Widrich, begann sein Produkt durch Storys zu vermarkten, anstatt durch die Aufzählung von Vorteilen, gingen die Anmeldungen durch die Decke. Was ist die Wissenschaft des Geschichtenerzählens? Warum ist das Erzählen einer Geschichte der mächtigste Weg, unser Gehirn zu aktivieren?

Der Ursprung des Erzählens

Bereits vor Tausenden von Jahren überlieferten die Menschen sich Geschichten und da wo sie nicht aufeinander treffen konnten, oder ihnen schlichtweg die Sprache fehlte, nutzten sie die (Höhlen-)Malerei. Überlieferung durch Erzählung ist wichtig für die Entwicklung des Gehirns und in diesem auch nachweisbar.

Menschliches Gehirn. Man sieht die beiden Hauptkomponenten des Sprachzentrums: Broca-Areal (Sprachproduktion) und Wernicke-Areal (Sprachverständnis).

Wir alle genießen gute Geschichten, sei es ein Roman, ein Film oder einfach nur etwas, was uns ein Freund erklärt. Aber warum fühlen wir besser, wenn wir eine Geschichte hören? Es ist in der Tat ganz einfach. Wenn wir uns eine Präsentation mit langweiligen Punkten hören, werden bestimmte Bereiche im Gehirn aktiviert. Wissenschaftler nennen diese das Broca- und das Wernicke-Areal. Dort trifft es nur unsere sprachverarbeitenden Teile im Gehirn, wo wir Wörter in Sinn dekodieren. Das war’s, nichts anderes passiert.

Wenn uns hingegen eine gute Geschichte erzählt wird, ändern sich die Dinge dramatisch. Nicht nur die sprachverarbeitenden Teile in unserem Gehirn werden aktiviert. Auch jeder andere Bereich in unserem Gehirn, den wir verwenden würden, wenn wir die Ereignisse der Geschichte erleben würden. Wenn uns jemand sagt, wie lecker bestimmte Lebensmittel waren, leuchtet unser sensorischer Kortex auf. Wenn es um Bewegung geht, wird unser motorischer Kortex aktiv.

Eine gute Erzählung bringt unser ganzes Gehirn zum Arbeiten. Aber es wird noch besser: Wenn wir anderen etwas erzählen, das uns geholfen hat, unser Denken und unsere Lebensweise zu formen, können wir die gleiche Wirkung auch auf die Zuhörer haben. Die Gehirne der Personen, die eine Geschichte erzählen und ihr zuhören, synchronisieren sich parallel. Das sagt zumindest Uri Hasson, Neurowissenschaftler der Universität Princeton.

Evolution und das Erzählen von Geschichten

Die Evolution verdrahtet unser Gehirn jederzeit aufs Neue. Nun fragen wir uns, wie wir das fürs Storytelling nutzen können. Wir wissen, dass wir unser Gehirn besser aktivieren können, wenn wir Geschichten hören. Die noch offene Frage ist: Warum ist das so?

Die einfache Antwort ist folgende: Eine Geschichte ist ein Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Und wir denken den ganzen Tag in Geschichten, egal wo wir sind oder was wir tun. Wir erfinden (Kurz-)Geschichten in unserem Kopf für jede Handlung und jedes Gespräch. Tatsächlich fand Jeremy Hsu heraus, dass persönliche Geschichten sowie Klatsch und Tratsch 65 % unserer Gespräche ausmachen.

Immer wenn wir eine Geschichte hören, wollen wir sie auf bestehende Erfahrungen beziehen. Deshalb funktionieren Metaphern so gut. Während wir damit beschäftigt sind, nach einer ähnlichen Erfahrung in unserem Gehirn zu suchen, aktivieren wir einen Teil namens Insula, der uns hilft, uns auf die gleiche Erfahrung von Schmerz, Freude oder Ekel zu beziehen. Wir verknüpfen Metaphern und Ereignisse automatisch. Alles in unserem Gehirn sucht nach der Ursache und Wirkungsbeziehung von etwas, was wir bisher erlebt haben.

Nutzt dieses Wissen

Kenn ihr das Gefühl, wenn ein Freund euch eine Geschichte erzählt, und dann zwei Wochen später erwähnt ihr die gleiche Geschichte, als ob es die eigene wäre? Das ist völlig normal und gleichzeitig eine der mächtigsten Möglichkeiten, Menschen mit Geschichten zu manipulieren. Laut Uri Hasson ist eine gute Erzählung der einzige Weg, um Teile im Gehirn des Hörers zu aktivieren, so dass diese sie in seine eigene Idee und Erfahrungen umwandeln.

Die Erkenntnis die Leo Widrich daraus zog:

Das ist etwas, das ich erst nach langer Zeit verstanden habe. Wenn du anfängst zu schreiben, ist es nur natürlich zu denken: „Ich habe nicht viel Erfahrung damit, wie kann ich meinen Beitrag glaubwürdig machen, wenn ich persönliche Geschichten verwende?“ Der beste Weg, dies zu umgehen, ist der Austausch von Geschichten mit denen von Experten. Auf diesem Blog habe ich nach Zitaten von den Top-Leuten der Branche gefragt oder einfach großartige Passagen gesucht, die sie online geschrieben hatten. Es ist eine großartige Möglichkeit, Glaubwürdigkeit zu schaffen und gleichzeitig eine Geschichte zu erzählen.

http://blog.bufferapp.com/science-of-storytelling-why-telling-a-story-is-the-most-powerful-way-to-activate-our-brains
Ungefähre Übersetzung aus dem Englischen

Die einfache Geschichte ist erfolgreicher als die komplizierte. Wenn wir an Geschichten denken, ist es oft einfach, uns selbst davon zu überzeugen, dass sie komplex und detailliert sein müssen, um interessant zu sein. Die Wahrheit ist jedoch, je einfacher eine Geschichte ist, desto wahrscheinlicher bleibt sie in den Köpfen der Menschen haften. Die Verwendung einfacher Sprache und geringer Komplexität ist der beste Weg, um die Hirnregionen zu aktivieren. Dies ist ein ähnlicher Grund, warum Multitasking für uns so schwer ist.

Geschichtenerzählen im Rollenspiel

Im Beruf gilt ab jetzt: Wenn ihr das nächste Mal damit kämpft, Leute für eure Projekte und Ideen an Bord zu holen, erzählt ihnen einfach eine Geschichte. Achtet darauf, dass deren Inhalt und Ende sich mit eurem Projekt decken. Vor allem jedoch darauf, dass es ihnen am Schluss so vorkommt, als wäre einiges davon ihre eigene Ideen gewesen. Versucht dabei, die Anzahl der Adjektive oder komplizierten Substantive zu reduzieren und sie durch eine einfachere Sprache zu ersetzen.

Und im Rollenspiel? Ein Rollenspiel, das vom Erzählen lebt, fesselt die Spieler in der Geschichte. Viele erzählen von ihren Spielabenden nicht in der dritten Person, sondern aus der Ich-Perspektive ihres Charakters. Sie werden durch die Interaktion mit dem Erzählenden (dem Spielleiter) Teil der Geschichte und somit verfestigt sich diese unentwegt. Das ist bei Systemen, in denen Gefechte und Würfelaktionen an der Tagesordnung sind, deutlich weniger der Fall.

Eine letzte Tatsache, die durchaus wichtig ist: Unser Gehirn lernt, überflüssige Wörter und Sätze zu ignorieren. Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Storytelling beschäftigen, haben festgestellt, dass bestimmte Wörter und Phrasen an Macht verloren haben. Redewendungen wie ein harter Tag, sind so vertraut, dass sie nur als Worte behandelt werden.

Das bedeutet, dass der frontale Kortex, der Bereich des Gehirns, der für die Erfahrung von Emotionen verantwortlich ist, mit diesen Phrasen nicht aktiviert werden kann. Es ist etwas, an das man sich vielleicht erinnern sollte, wenn man seine nächstes Abenteuer gestaltet. Es ist nicht nur für euch, sondern auch für eure Leser/Spieler von Bedeutung.

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Horst
Gast
Horst

Interessanter Ansatz. Leider viel zu theoretisch. Hier wären noch ein paar praxisnahe Beispiele interessant gewesen.

Tulljamadjin
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Manchmal wird es theoretisch, aber Danke für deinen Wunch, wir versuchen verschiedenartige Beitrage zu kreieren… die Rollenspieltheorie ist auch ein Teil unserer Community 🙂

Kathrin Fischer
Gast
Kathrin Fischer

Im Artikel schreibt ihr, Wissenschaftler nennen das Areal der Sprachverarbeitung “Broca- oder Wernicke Gebiet“. So klingt es, als seien das Synonyme. Es sind aber beide Gebiete zur Sprachverarbeitung nötig. In Der Abbildung ist das auch richtig illustriert. Man könnte das “oder“ durch ein “und“ ersetzen, dann stimmt es.

Liebe Grüße,
Kathrin Fischer

Luke Finewalker
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Danke für den Hinweis, ich habe die entsprechende Stelle korrigiert. 🙂