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Gewürfelt und gezeichnet – Zeichentrickserien zu Rollenspielen

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Lesezeit: 5 Minuten

Wie wir schon berichtet haben, startete vor einigen Wochen auf Kickstarter ein Projekt, das große Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Die geplante Zeichentrickadaption des beliebten Livestreams Critical Role zu Dungeons & Dragons hat mittlerweile 9 Millionen US-Dollar geknackt. Was zuvor nur als eine einzelne, besondere Folge geplant war, hat sich nun zu einer heiß erwarteten Serie entwickelt.

Es hilft sicherlich, dass das Team hinter Critical Role neben persönlichem Enthusiasmus auch langjährige Erfahrung als Synchronsprecher in der Zeichentrick- und Videospiel-Branche mitbringen. So sind Laura Bailey und ihr Ehemann Travis Willingham unter anderem die englischen Stimmen von Black Widow und Thor in der Serie Avengers Assemble von 2013. Auch Mitspieler Liam O’Brien übernahm hier die Rolle des Schurken Red Skull.

Dungeon Master Matthew Mercer wiederum mag Anime-Fans in seinen Rollen als Jotaro Kujo aus Jojo’s Bizarre Adventures: Stardust Crusaders und Levi aus Attack on Titan bekannt sein. Fans des First-Person-Multiplayer-Shooters Overwatch kennen ihn als Cyber-Cowboy McCree. Es sollte daher nicht überraschen, dass die Spieler selbst ihre eigenen Charaktere in der Serie sprechen wollen.

Es war einmal …

Nun ist die Zeichentrick-Adaption eines Rollenspiels für das Urgestein Dungeons & Dragons nichts Neues. Als in den 80er-Jahren das Hobby berühmt (und berüchtigt) wurde, vermarktete man es auch mit einer Zeichentrick-Serie. Von 1983 bis 1985 produzierte das Studios Marvel Productions zusammen mit dem Verlag TSR eine gleichnamige Serie zu dem Spiel, die man später in Deutschland auf RTL Plus und später RTL II als Im Land der fantastischen Drachen ausstrahlte.

Anders als Critical Roles The Legend of Vox Machina war die Handlung des Dungeons-&-Dragons-Cartoons eine Portal-Fantasy, wie C. S. Lewis’ Chroniken von Narnia. Eine Gruppe von Kindern wird in eine Fantasywelt befördert und erhält von dem freundlichen „Dungeon Master“ eine Reihe von magischen Gegenständen, deren Fähigkeiten an die bekannten Klassen des Spiels angelehnt sind. Ein Bogen macht den Jungen Hank zu einem „Ranger“, während die bodenständige Sheila mit ihrem Tarnumhang die Rolle des „Thief“ bekommt. Mit diesen Gegenständen müssen die Kinder nun zahlreiche Abenteuer bewältigen und immer auf der Hut vor dem bösen Zauberer Venger und dem Drachen Tiamat bleiben.

Die Serie erhielt allerdings keinen richtigen Abschluss. Und sie fühlte es sich auch nicht wirklich nach Dungeons & Dragons an – um es mit den Worten von YouTuber ProJared auszudrücken, „dungeons&dragonsy“. Zwar gab es einige Anspielungen auf die Klassen und Monster, aber es fehlten beispielsweise ikonische Figuren wie der weltenreisende Zauberer Mordenkainen oder die dem Untergang geweihte Aleena.

In einem weit entfernten Land …

Der Dungeons-&-Dragons-Cartoon war gezielt als Werbung für das Spiel produziert worden und basierte nicht auf einer konkreten Spielrunde wie bei The Legend of Vox Machina. Record of Lodoss War hingegen schon. Die japanische Fantasy-Romanreihe des Autors Ryo Mizuno basierte auf einer Reihe von Replays, die der Spielehersteller und Verlag Group SNE ab 1986 in der Zeitschrift Comptiq veröffentlichte.

Replays sind in der japanischen Rollenspielszene eine Selbstverständlichkeit und sprechen sogar Menschen an, die nicht selbst spielen. In ihnen wird in Dialogform die erspielte Handlung einer Runde wiedergegeben und zumindest am Anfang basierten diese Replays auf Dungeon & Dragons. Später allerdings benutzte man auch andere Systeme wie zum Beispiel RuneQuest, um die Geschichten über die Helden der Kriege zwischen Gut und Böse auf der Insel Lodoss zu spielen.

Die Handlung von Record of Lodoss War verläuft dabei über mehre Generationen und betrachtet den Konflikt von unterschiedlichen Seiten. Eine der bekanntesten Hauptfiguren dürfte die Hochelfe Deedlit sein. Diese repräsentiert den japanische Archetyp des alterslosen, aber ewig jung bleibenden und verspielten Elfenmädchens vorzüglich, auch wenn sie ihn vielleicht nicht erfunden hat.

Da gab es eine verfluchte Insel…

Die erste Adaption als Animation (oder Anime, wenn man auf kulturelle Besonderheiten pochen will) erschien 1990 als OVA (Original Video Animation). In einer Fortsetung wurde diese Geschichte 1998 mit einer TV-Serie weitererzählt. Dazwischen war 1996 ein Spinoff mit dem Titel Legend of Crystania für VHS erschienen, der einige der nobleren Antagonisten der Serien als Hauptfiguren zeigte.

Record of Lodoss War ist das bekannteste, aber nicht einzige Produkt von Group SNE. Für das Setting Forcelia, in dem Record of Lodoss War spielt, erschienen weitere Werke und Serien wie etwa Mahou Senshi Louie (Im Englischen: Rune Soldier Louie). Mit Sword World RPG veröffentlichte Group SNE auch ihr eigenes Rollenspielsystem.

Dennoch sind die meisten japanischen Fantasy-Anime wie der alte Dungeons-&-Dragons-Cartoon Portal-Fantasy-Geschichten, besonders in letzter Zeit. Unter dem Begriff Isekai (auf Deutsch: „Andere Welt“) tummeln sich Serien wie Sword Art Online, Overlord, Kono Subarashii Sekai ni Shukufuku wo, Re:Zero und viele mehr.

Und der Held zog aus mit der Komplettlösung, um die Prinzessinnen zu retten…

Dabei sind die entsprechenden Fantasy-Welten stark von den Konzepten der in Japan sehr beliebten Videospiel-Reihe DragonQuest beeinflusst, und durch die üblichen Begriffe und Gewohnheiten von Massively Multiplayer Online RPGs wie World of Warcraft. So haben nicht wenige Helden Zugriff auf Statusmenüs und ein nützliches Inventar sowie ein Magiesystem, das auf Programmen basiert. Die Abenteuer tanzen hierbei meist aus der Reihe, weil sie über sogenannte Chiito (Cheat)-Fähigkeiten verfügen, die sie so gut wie unbesiegbar machen. Dazu kommt meist eine große Auswahl an Liebesinteressen für die männliche Hauptfigur und nicht selten ein gewisses Meta-Bewusstsein. Oft hat die Hauptfigur dadurch einen Vorteil, dass sie ihr Wissen aus der realen Welt zu ihrem Gunsten im „Spiel“ anwenden kann. Mark Twains A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court lässt grüßen.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

In diesem Kontext fiel letztes Jahr aber eine Serie auf, die von der Norm abwich. Zwar besitzt der namensgebende Protagonist von Goblin Slayer! von Kumo Kagyu viele der üblichen Eigenschaften eines der obrigen Helden, doch kommt er weder aus der realen Welt, noch funktioniert seine Welt nach Videospielregeln.

Stattdessen würfeln hier die Götter um das Schicksal der Sterblichen. Goblin Slayer und andere Helden begegnen diesem Umstand mit Taktiken, die man in der OSR-Bewegung begrüßen würde. Die größte Waffe im Arsenal eines Abenteurers ist laut Aussage des Protagonisten, der wie alle anderen Charaktere namenlos bleibt, die „Vorstellungskraft“ (, souzou).

Den ständigen Kampf gegen die überaus brutalen und sadistischen Goblins führen die Helden nicht allein mit Waffengewalt, sondern auch mit Feuer, Überflutungen, Explosionen oder Erdeinstürzen. Die Goblins selbst wiederum sind auch nicht unkreativ und schockieren den Zuschauer mit immer neuen bösen Überraschungen und grausamen Gewalttaten. Dies trennt Goblin Slayer deutlich von dem kinderfreundlichen Dungeons-&-Dragons-Cartoon.

… zeichnen sie glücklich bis ans Ende Ihrer Tage.

Wir kommen damit zurück zu The Legend of Vox Machina. In der Q&A-Session zum Kickstarter erklärte Matthew Mercer von vornherein, dass die Zeichentrickserie in erster Linie für ein älteres Publikum gedacht ist ähnlich wie die Webserie, in der Mercer teils sehr detailliert brutale Verletzungen beschreibt. Für ein erwachsenes Publikum, das bereit ist, einer Gruppe von Freunden mehr als 9 Millionen Dollar zur Verfügung zu stellen, deren private Spielrunde zu einem medialen Phänomen gewachsen ist.

Hier liegt der größte Unterschied zwischen The Legend of Vox Machina und den alten und neuen Zeichentrickserien über Pen & Paper Rollenspiele: Wo bislang solche Serien nur im Auftrag von großen Verlagen, Studios oder Firmen „von oben herab“ produziert wurden, sehen wir hier, welche Macht durch das Internet inzwischen „von unten nach oben“ wirken kann. Es bleibt abzuwarten, ob das Team von Critical Role sich den hohen Erwartungen als würdig erweisen kann.

Wie seht ihr das? Schreibt uns eure Meinung!

Und kennt ihr vielleicht noch andere Zeichentrickserien oder -filme, die von Pen & Paper Rollenspielen beeinflusst wurden? Dann teilt sie mit uns in den Kommentaren. Besonders, wenn es sich um ein „Passion project“ wie bei Critical Role handeln sollte!

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Luke Finewalker
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Wirklich ein paar spannende Infos in dem Artikel! 🙂
Vielleicht nicht unbedingt der Teil mit Legend of Vox Machina – wobei die Kampagne auf jeden Fall eindrucksvoll ist – aber ich finde es spannend, wie diese Portal-Fantasy-Sachen verarbeitet werden. Ein Buch, das mich selbst früher sehr inspiriert hat, war „Schattenjagd“ von Wolfgang Hohlbein, gewissermaßen auch Portal-Fantasy (auch wenn ich damals noch nicht an so einen Namen gedacht hätte).
Hat schonmal jemand Portal Fantasy tatsächlich als Pen & Paper Rollenspiel gespielt? Mit welchem System? Und wie lief das so?

Fenistair
Mitglied
Fenistair

Ich gebe zu, die meisten der genannten Serien habe ich nie gesehen. Einzige Ausnahme ist Record of Lodoss War und die fand ich dann auch richtig gut…
Mit Portal-Fantasy komme ich derweil nicht ganz so gut zurecht. Für den Zuschauer/Leser erleichtert sowas natürlich den Einstieg. Der ist, ähnlich wie der Protagonist, erstmal etwas überfordert mit einer neuen Welt, deren kulturelle und sozialen Strukturen er gar nicht kennt. Und gleich dem Prota lernt er mit fortschreitendem Abenteuer die Welt kennen. Obwohl ich dieser Herangehensweise durchaus ihren Platz in der Medienlandschaft einräume, finde ich sie wenig anregend – zum einen weil gefühlt alles in letzter Zeit so abläuft und das Thema irgendwie ausgelutscht wirkt, zum anderen weil somit auch die Lösung der Probleme fast immer Fähigkeiten und Eigenschaften aus unserer Welt sind. Ich mag es lieber, wenn der Protagonist aus der fremden Welt kommt und mir einen neuen Blickwinkel auf Welt und Abenteuer erlaubt.