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Neuigkeiten aus der Welt der Pen & Paper Rollenspiele

Michael Masberg rezensiert Itras By

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Vorwort

Autor und Regisseur Michael Masberg hat in einem Gastartikel das Pen & Paper Rollenspiel Itras By rezensiert. Als Mann der Bühne und der Geschichten schätzt er insbesondere regelleichte Systeme, die das erzählerische Spielen unterstützen. In unserer Szene wurde er vor allem auch mit Arbeiten am Schwergewicht Das Schwarze Auge (DSA) bekannt. So z. B. mit Anteilen an der beliebten Box Die dunklen Zeiten oder der Regionalspielhilfe zu den Schattenlanden. Das hier behandelte Erzählspiel ist an die 20er Jahre angelehnt und erst im März 2019 beim Pro-Indie Verlag erschienen.

Aus dem Stand hat die deutsche Ausgabe des surrealen Rollenspiels den Deutschen Rollenspielpreis in der Kategorie Bestes Grundregelwerk 2019 gewonnen. Dies ist ein willkommener Anlass, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Das ursprünglich aus Norwegen stammende Rollenspiel verspricht eine »Stadt voller seltsamer Begebenheiten, ungewöhnlicher Orte und skurriler Gestalten«, verbunden mit leichten, intuitiven Regeln, die das gemeinsame Erzählen fördern.

Lass uns auf die Straßenbahn aufspringen, die rumpelnd durch die nebelverhangene Stadt ächzt, vorbei an rufenden Zeitungsjungen, einem trägen Herrn mit feinem Zwirn und Moschusochsenkopf sowie Zigarre paffenden Anarchisten, immer tiefer hinein in den zurückgelassenen Traum einer Göttin.

Die Stofflichkeit des Unwirklichen

Das Buch kommt als handliches Hardcover von 32,5 cm auf 16,5 cm daher und bietet ca. 300 farbige Seiten. Farbig bedeutet hier jedoch, dass sich – wie auf dem Cover – zum Schwarz und Weiß diverse Gelb– bis Brauntöne gesellen. Diese werden vor allem für Überschriften verwendet sowie für Vignetten und Kästen, die den einspaltigen Text angenehm auflockern. Ein ausführliches wie übersichtliches Inhaltsverzeichnis hilft bei der Orientierung. Da es aber viel zu entdecken gibt, wäre ein zweites oder gar drittes Lesebändchen ein schöner Zusatz gewesen.

Die durchweg in schwarzweiß gehaltenen Illustrationen bewegen sich zwischen Karikatur und Traumskizze und unterstützen die unwirkliche Atmosphäre der Texte. Man bleibt beim Durchblättern an ihnen hängen, und ehe man sich versieht, liest man den dazugehörigen Text oder lässt sich schlicht durch die Zeichnung inspirieren.

Nach der Einführung teilt sich das Buch in vier Teile, beginnend mit dem Herzstück: der Beschreibung von Itras Stadt über 90 Seiten. Ihm folgt mit knapp 150 Seiten ein Kapitel zum Spiel, wobei sich die eigentlichen Regeln auf wenige Seiten beschränken. Gut sortiert findet man hier vielmehr Nützliches zum Charakterspiel, zum Spielleiten und dem Surrealismus als tragendes Element. Ein Beispielszenario und ein kurzer Anhang runden das Buch ab.

Hinein in den Traum

Gaslaternen im Nebel, das Flackern der Lichtspielhäuser, beginnender Fortschritt durch verrückte Erfindungen und Elektrizität, avantgardistische Künstler, verruchte Varietés und ein allgemeiner Rausch – wir betreten eine Stadt an der Schwelle der Moderne, eine schillernde Metropole, wie man sie im Europa zwischen den Weltkriegen gefunden hat. Doch es ist keine reale Stadt, sondern ein Ort, den eine Göttin erträumt hat, die vor dreihundert Jahren verschwand. Nun sind es die Träume, Sehnsüchte und Ängste ihrer Bewohner, die die Straßen und Orte prägen. Das Unwirkliche und Traumhafte ist hier sehr real. Kleine Verschiebungen in der Realität sind für die Bewohner nichts Ungewöhnliches. Und das Ungeheuer, vor dem du die letzten drei Nächte in deinen Alpträumen weggerannt bist, kann durchaus hinter der nächsten Häuserecke auf dich warten und aus einem Bauchladen heraus kandierte Lügen verkaufen.

Itras By

Itras By stammt aus Norwegen und steht in der Tradition skandinavischer Spiele, die die Szene mit frischen, ungewöhnlichen Ideen bereichern. In diesem Fall erhebt es den Surrealismus zum prägenden Element: das Unbekannte, das hinter der bewussten Wahrnehmung existiert. Das Spektrum der Inspirationsquellen reicht von Lovecraft und Edgar Allan Poe über Kafka und André Breton bis hin zu Pratchett, Terry Gilliam und David Lynch. Allem wohnt eine Doppelbödigkeit inne, die mal skurril, mal bedrohlich sein kann.

Die Stadt existiert abgeschnitten von einer weiteren Welt für sich. Um den Mondturm der verschwundenen Göttin herum sind fünf Stadtviertel entstanden, von denen jedes eine ausführliche Beschreibung erhält: das Künstlerviertel Kapellenberg, das Arbeiter- und Hafenviertel Schwarzenförde, die Villen von Talerbühl, die moderne Innenstadt und das kleinbürgerliche Aufeld. Dazu kommen die Randgebiete, in denen sich die Wirklichkeit immer mehr auflöst, je weiter man sich vom Mondturm entfernt.

Die Beschreibungen der Örtlichkeiten, besonderen Personen und kleinen Anekdoten der jeweiligen Viertel sind vorbildlich. Sie vermitteln ein lebendiges Gefühl für die Atmosphäre der Stadt und bieten meist gleich kleine Storyaufhänger, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. So bleiben viele Lücken und Freiheiten für das eigene Itras By. Überhaupt: Das Buch lädt ein, die Freiheiten zu nutzen und Setzungen zu ignorieren. Das reicht bis zu dem Tipp, einen ganzen Abschnitt oder eine Seite einfach zu schwärzen. Ganz der surrealistischen Tradition verpflichtet, bedient es sich bekannter Elemente oder realer Beispiele und gibt ihnen einen unwirklichen Dreh. So gibt es mit den Churchillianern eine Anarchistengruppe, deren Mitglieder alle wie kleine, dicke Männer mit Bowler, Stock und dunklem Anzug aussehen und die unablässig dicke Zigarren rauchen.

Alleine die Lektüre der Stadtbeschreibung ist ein Genuss und belohnt mit vielen Ideen und Inspirationen. Das setzt sich in den späteren Kapiteln fort, die sich von den Charakteren über das Spielleiten bis zu erzählerischen Motiven damit befasst, wie man Itras By spielt. Alle Tipps und Beispiele sind prägnant und auf den Punkt. Dies macht zusammen mit der Stadtbeschreibung die Welt von Itras By greifbar und verständlich.

Regeln im Willkürlichen

Das Kapitel Die Regeln macht gerade einmal zwölf Seiten aus und beinhaltet dabei bereits anschauliche Beispiele. Die grundlegenden Mechanismen sind schnell erklärt.

Charaktere in Itras By bestehen nur aus Beschreibungen – zum Aussehen, Hintergrund und Persönlichkeit, zu wichtigen Nebenfiguren und den Beziehungen zu anderen Charakteren. Spielwerte sucht man vergebens, und somit gibt es nichts, auf das man würfeln kann. Itras By ist ein würfelloses Spiel. Wahrscheinlich werden sich bereits hier die Geister scheiden.

Entscheidungskarten

Der Zufall spielt trotzdem in eine Rolle und kommt in Form von zwei Sets Karten ins Spiels. Die Entscheidungskarten werden dann gezogen, wenn man meint, dass der Ausgang eines Vorhabens oder einer Szene ungewiss sein soll. Insgesamt gibt es zehn Entscheidungskarten. Sie sagen Ja, aber …, Nein, und … oder gar Der Konflikt eskaliert. Dazu geben sie eine kleine Anregung, in welcher Weise die Antwort interpretiert werden kann. Zum Beispiel:
Nein, aber … Das, was du tun wolltest, schlägt fehl. Aber etwas anderes, das damit nichts zu tun hatte, bringt dir einen Vorteil.
Das Besondere ist, dass nicht die Spielleitung (SL) sagt, wann eine Karte gezogen wird. Sie darf es zwar vorschlagen, doch die Entscheidung, ob eine Karte gezogen wird, trifft alleine der Spieler. Dabei zieht er nicht selbst, sondern bestimmt einen Mitspieler oder die SL, die Karte zu ziehen und zu deuten. Mitspieler*innen dürfen explizit Vorschläge machen.

Zufallskarten in Itras By

Der zweite Stapel ist mit 45 Karten viel umfassender, spielt aber seltener eine Rolle: Zufallskarten dürfen von jeder Person am Tisch pro Sitzung nur einmal gezogen werden. Dafür wirbeln sie die Geschichte ordentlich durcheinander. Die Karten können recht harmlos sein (Deine Gefühle überwältigen dich …), teilweise bizarr bis albern (Der Rest der Szene findet als Stummfilm / Musical statt.), Traumelemente verstärken (Zeitsprünge, Ortswechsel) oder die Dramaturgie verändern (ein unbedeutender Statist wird plötzlich wichtig).

Diese Beispiele zeigen schon, dass Itras By zu spielen eine Eigenschaft fordert: die Bereitschaft zur Improvisation. Im Testspiel hat das wunderbar funktioniert und für überraschende und unterhaltsame Wendungen gesorgt. Die Karten sind inspirierend formuliert. Unsere Spielrunde deckte ein breites Spektrum von Würfelfreunden bis zum Rollenspielneuling ab. Niemand hatte große Probleme, sich zu einer Karte etwas einfallen zu lassen. Das Spiel kam zu keinem Zeitpunkt aus dem Fluss, die Karten haben es eher angetrieben als ausgebremst.

Schön ist die Mischung aus Kontrolle und Kontrollverlust. Niemand zwingt mich, eine Karte zu ziehen. Somit kann jede*r Spieler*in für sich entscheiden, wie viel Überraschung sie oder er haben möchte. Zudem kann man gerade bei den Zufallskarten gemeinsam entscheiden, welche man nicht im Spiel haben will. Keiner will Gefahr laufen, den Rest einer Szene singen zu müssen? Dann nimmt man die entsprechende Karte aus dem Stapel.

Persönlich werde ich die Zufallskarten sicherlich auch in anderen System nutzen, wenn sich Helden dort in einer Traumwelt oder etwas Ähnlichem verirren.

Doch wie spielt es sich?

Als Antwort möchte ich einen der Testspieler zitieren: »Es ist mehr Rolle als Spiel.« Für uns alle war es die erste Begegnung mit einem würfellosen Rollenspiel. Alle haben sich darauf eingelassen und sich die Bälle zugespielt. Trotz – und vielleicht gerade wegen – der Karten und der beschreibenden Charakterbögen ist man fast ständig in der Rolle und erlebt die Stadt durch die Augen seiner Figur. Natürlich wird eine Spielrunde letztlich damit stehen oder fallen, ob sich alle mit dieser Art des Spielens wohlfühlen. Dann funktioniert dieses System jedoch vortrefflich!

Dies gilt im gleichen Maße für den Spielleiter: Man muss schnell die Komfortzone eines ausgeklügelten Plots verlassen. Wenn du zu der Gattung Spielleiter gehörst, die sich gerne überraschen lässt, dann ist Itras By dein Spiel. Die Vorbereitung sollte man jedenfalls eher auf einen sehr groben Plot und ein paar kurze Beschreibungen zu Orten, Personen und Szenen beschränken, und den Rest einfach passieren lassen. Im Testspiel entwickelte sich die Story gleich in der ersten Szene in eine völlig andere Richtung, und das war nichts Schlechtes.

Das Beispielszenario

Mit Nr. 13 bietet das Buch ein kleines Szenario mit fünf vorgefertigten Charakteren, das ausschließlich in einer langsam im Boden versinkenden Mietskaserne spielt. Die Charaktere sind liebevoll ausgearbeitet und allesamt Bewohner des Mietshauses – man kennt sich also. Der geschlossene Raum bringt zudem mit sich, dass man für einen ersten Ausflug nach Itras By nicht viel über die Stadt wissen muss.

Praktisch kann ich leider nichts zu dem Szenario sagen, da wir im Testspiel ein eigenes Abenteuer mit selbst geschriebenen Charakteren gespielt haben. Nach der reinen Lektüre scheint Nr. 13 mir allerdings sehr brauchbar und ideal für einen One Shot ohne große Vorbereitung. Die mitgelieferten Charaktere bieten zudem viele Ansätze zum Charakterspiel. Allerdings bedient das Szenario die dunkleren Aspekte des Surrealismus und die Biographien der Figuren sind eher tragisch. Daher kann es vielleicht nicht für jede Gruppe geeignet sein.

Für das Buch ist es definitiv ein Gewinn, da man es gut mit verschiedenen Runden mehrmals spielen kann. Zudem hat man mit dem Szenario eine gute Referenz für die Vorbereitung auf eigene Abenteuer.

Eine Investition in die Träume

Für 34,95€ bekommt ihr ein wirklich hochwertiges Hardcover-Buch in Farbe. Für ein ungewöhnliches Nischenspiel von einem kleinen, unabhängigen Verlag ist dies ein fairer Preis. Allerdings sollte man sich dazu gleich das Kartenset zulegen, das mit weiteren 14,95 € zu Buche schlägt. Auch hier gilt, dass die 55 farbigen Karten hochwertig sind und stabil genug daherkommen, um ein langes Spiel zu überstehen. Die Karten können auf der Homepage des Verlags zwar kostenlos zum Selbstausdrucken heruntergeladen werden, doch ob der Aufwand lohnt und das Ergebnis ebenso hochwertig ist, muss jeder für sich entscheiden.

Unterm Strich bleiben knapp 50€ eine ansehnliche Investition für ein Spiel, auf das man sich einlassen muss und das sicherlich nicht für jede Gruppe geeignet ist. Allerdings bieten Buch wie Karten viel Inspiration über das eigentliche Spiel hinaus. Die Tipps zum Rollenspiel und freien Spielleiten sind unabhängig von Itras By exzellent und lohnen auch für erfahrene Rollenspieler*innen einen Blick. Und wer phantastischen Surrealismus in sein Spiel einbringen möchte – gleich in welches Setting –, hat mit diesem Buch (und den Zufallskarten) die derzeit beste Referenz.

Fazit zu Itras By

Itras By ist ein inspirierendes Buch, das sich auch optisch schön präsentiert. Für Freunde surrealer Welten und Geschichten ist es definitiv eine Pflichtlektüre. Allerdings ist es kein Spiel für jeden. Das freie, gemeinsame Erzählen, der Verzicht auf klassische Mechanismen wie Würfel und Werte und das hohe Maß an Improvisation sind etwas, mit dem man sich wohlfühlen muss. Wenn man sich darauf einlassen kann und mit Leuten spielt, die ebenfalls dazu bereit sind, wird man mit außergewöhnlichen Geschichten und einem mitreißenden Spielerlebnis belohnt.

Itras by

34,95€
8.8

Layout

9.5/10

System

8.0/10

Setting

10.0/10

Preis/Leistung

7.5/10

Pros

  • phantastischer Surrealismus
  • vollständige Settingbeschreibung und Regeln in einem Buch
  • wenige, einfache Regeln
  • nützliche Leitfäden für ein freies Spiel
  • gelungene Übersetzung
  • ein würfelloses System (wenn man es mag)

Cons

  • zentrales Kartenset muss selbst gebastelt (kostenloser Download) oder separat gekauft werden (14,95€)
  • ein würfelloses System (wenn man es nicht mag)
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Tony
Gast
Tony

Liest sich echt klasse, habe es auch noch bei mir im Schrank.

Ich hätte voll Lust auf ein komplettes Musical 😀

Jean-Michel
PnPnews.de

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Itras By
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Itras By – The Menagerie
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No. 13
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