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Rollenspiele für Kinder: Auf in eine fantastische Welt

Lesezeit: 5 Minuten

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Diejenigen, die sich auf dieser Seite bewegen, haben häufig bereits ein paar Jahre auf dem Buckel und schon so manches Rollenspiel hinter sich gebracht. Komplexe Regeln, düstere Welten, das Scheitern, ja, sogar der Tod eines geliebten Charakters sind Dinge, die wir alle früher oder später kennenlernen oder bereits erlebt haben. Nur wie sieht es mit dem Thema Rollenspiele für Kinder aus?

Wir alle wissen, dass unser Hobby Nachwuchssorgen hat. Doch wie ist es möglich, in einer Zeit in der Smartphones, soziale Medien und Videospiele unsere Kleinen immer früher abholen und in ihren Bann ziehen, Pen-and-Paper-Rollenspiele schmackhaft zu machen? Je jünger der Spieler, desto einfacher muss das System sein, desto verspielter das Setting. So wird man mit den üblichen Systemen in denen viel gerechnet wird, es einfach viele mehr oder weniger komplexe Regeln gibt oder die Welt zu düster und brutal ist, sicher nicht weiter kommen. Michael L. Jaegers möchte Abhilfe schaffen und hat einen Versuch mit den kleineren Spielern gewagt.

Rollenspiele für Kinder – Das Ritter-Bogo-RPG

Was steht also im Vordergrund? Fest steht, dass es für Kinder im Vor- oder Grundschulalter schwierig ist, wenn es allzu komplexe Regeln oder haufenweise Vor- und Nachteile und andere Modifikatoren gibt. Gerade bei den ganz kleinen Stiften ist die Aufmerksamkeitsspanne doch deutlich kürzer und die Motivation allzu schnell verloren. Wer sich an seine eigene Kindheit zurück erinnert, wird als wichtigstes Kriterium die spannende Geschichte ausmachen. Und seien wir ehrlich, wen interessiert es, ob er zwölf oder dreizehn Schadenspunkte macht, wenn der Ritter in strahlender Rüstung dem Drachen eins überzieht?

In seinem eigens kreierten Mini-Rollenspiel Das Ritter-Bogo-RPG konnten sich die vier kleinen Rollenspieler auf ein System einstellen, welches genau auf ihre Bedürfnisse abgestimmt war. Dabei wurde klar, dass man für Kindergartenbesucher die unzähligen Eigenschafts- und Fertigkeitswerte zusammen streichen muss. Jaegers entschied sich für sechs Werte und zum besseren Verständnis (oder eher aufgrund mangelnder Lesefähigkeiten) zu einer Darstellung mittels Bildern:

  • Stärke (ausgedrückt durch einen Gewichtheber),
  • Geschicklichkeit (eine Seiltänzerin),
  • Schnelligkeit (ein schnaufender Jogger),
  • Klugheit (ein lesender Fuchs),
  • Zauberkraft (ein Magier mit Zauberstab),
  • Kampfkraft (ein kämpfender Ritter).

Dies vereinfachte die Darstellung drastisch. Die Kinder verstehen, dass sie diese sechs Werte haben und dank der bildlichen Darstellung war es ihnen auch möglich, jederzeit zu erkennen, was welches Symbol auf ihrem Charakterbogen bedeutet. Ein weiteres Problem sind geschriebene Zahlen… denn die müssen erst mal gelernt sein und gerade geschriebene Zahlen sind für unsere Mathe-Kadetten noch schwieriger zu verstehen. Was hilft also? Richtig, eine Augenzahl. Diese ist leicht zu verstehen und kann sogar mit den Fingerchen nachgezählt werden. Und wenn man sich mal verzählt, dann ist das nicht weiter schlimm.

Damit trotzdem etwas mehr Tiefe vorhanden ist, nahm Michael L. Jaegers noch weitere Werte hinzu:

  • Glück (in der Form eines Schweinchen, einer Münze oder Kleeblatt in beliebiger Kombination),
  • Geld (in Form eines gefüllten Goldsäckels),
  • Erfolge (in Form eines Pokals).

Nun bekam jeder der oben genannten Werte eine Zahl zwischen eins und sechs, entsprechend unseres Schulsystems. Eine eins in Kampfkraft bedeutet also, vortrefflich kämpfen zu können, während eine sechs bedeutet, wohl lieber die Finger vom Kampf zu lassen.

Zu Guter Letzt sammelte er als kleines Bonbon für die Kinder noch ausmalbare Bilder in Form von Rittern, Magiern, Prinzessinnen, Feen, usw.. Wichtig ist, dass man den Kindern dabei alle Freiheiten lässt. Wenn der Ritter also zaubern kann, dann kann er zaubern. Oder die Prinzessin soll besonders gut kämpfen können? Kein Problem! Dem Spielspaß der Kinder ist es nur zuträglich, wenn man ihnen keine unnötigen Grenzen verpasst, denn dieser steht im Zentrum. Jaegers zeigt hier einfache Verhältnisse auf, die aber gerade im Zusammenhang mit jüngeren Spielern sehr richtig und erkenntnisreich sind.

Das Abenteuer

Das Abenteuer an sich zu bestreiten, bedeutet auch, auf Probleme und Hindernisse zu treffen. Hier kommt der Wert Glück ins Spiel. Wann immer der Charakter seine Probe nicht schafft, kann er auf seinen Glückswert zurückgreifen und hier kann der Spielleiter sogar die Kreativität seiner jungen Helden mit gezielten Fragen anreizen. Oder aber, was wichtiger in meinen Augen ist, er kann das Gruppenspiel und die Teamfähigkeit fördern. So lässt Michael L. Jaegers es in seinem Spiel zu, dass die anderen Charakter jederzeit helfen können. Der Held kommt die Wand nicht hoch? Eine Räuberleiter kann helfen, ohne dass der Spieler auf den Glückswert zurückgreifen muss. (Im Zweifel kann immer noch ein Auge zugedrückt werden.)

Wie sieht es mit den Kämpfen aus? Es ist durchaus eine Debatte wert, welchen Stellenwert ein Kampf in einem Rollenspiel für Kinder haben kann. Auf jeden Fall sollte die Darstellung so kindgerecht wie möglich sein. Da wird dem bösen Räuber vielleicht nur das Schwert aus der Hand geschlagen, ehe er sich aus dem Staub macht. Vielleicht ist es am Ende sogar eine Kitzelattacke, die ihn besiegt. Es wird der Geschichte nicht schaden, wenn Bösewichte aufgeben und fliehen, statt getötet zu werden.

Michael L. Jaegers Gedanken und Ideen, die hier auf wenige Punkte reduziert wiedergegeben sind, könnt ihr auf seinem Blog genauer betrachten. Folgender Punkt sollte klar sein: Jüngere Spieler brauchen einfachere Regeln. Mit steigendem Alter können die Regeln dann weiter ausgebaut, Aspekte wie Modifikatoren hinzugefügt und die Kinder mit Dingen wie moralischen Konflikten oder dem Scheitern konfrontiert werden.

Außerdem sollten die Kinder immer im Mittelpunkt des Abenteuers stehen. Dabei sind ihre Wünsche wichtiger als in sich geschlossene, konsistente Gruppen. Will es dem Ritter eine Pistole in die Hand drücken, dann ist das in Ordnung. Die Aufmerksamkeit der Kinder ist begrenzt. Spielabende, wie wir Erwachsenen sie kennen, sind für die Kleinen meist nicht geeignet. Runden von einer Stunde sollten mehr als ausreichend sein, um das Abenteuer zu erleben.

Weitere Rollenspiele für Kinder

Falls ihr noch mehr zum Thema Rollenspiele für Kinder lesen wollt, gibt es hier noch einen weiteren schönen Artikel über eine Rollenspielgruppe, die eine stark abgespeckte Version von DSA (Das Schwarze Auge) spielt. Hier werden viele der zuvor genannten Punkten ebenfalls besprochen.

Damit passende Runden für kleine Abenteurer gestaltet werden können, bedarf es entsprechender Spielsysteme, sofern eigene Kreationen wie die zuvor beschriebenen nicht ausreichen. Das bedeutet, an dieser Stelle fallen für bestimmte Altersgruppen viele der gängigen Spielsysteme raus, teilweise aufgrund ihrer komplexen Regeln, teilweise aufgrund ihres erwachsenen Inhalts. Doch zum Glück haben diverse Verlage und Spielehersteller erkannt, dass auch die Kleinsten durchaus Interesse an Rollenspielen haben.

Jüngste deutschsprachige Versionen von Spielen wie Der Herr der Träume – die Stoffi Chroniken und So Nicht, Schurke! sind als kindgerechte Spiele in Arbeit. Diese sind auf die speziellen Bedürfnisse zugeschnitten, auch wenn das eigene innere Kind sich sicherlich ebenfalls daran erfreuen kann.

Der Markt deutet den Trend auf jeden Fall an, denn andere Rollenspiele für Kinder, beispielsweise  Astraterra, Mouse Guard und Age of Tempest gibt es bereits, sind aktuell jedoch nicht in deutscher Sprache erhältlich. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft mehr Verlage eigene Spiele entwickeln oder diese Projekte in unsere Sprache übersetzen.

Als Alternative bleibt sonst noch Lego Heroica, dessen Aufmachung und Regelnatur stark an Rollenspiele erinnert und aufgrund der physischen Komponente vielleicht für sehr junge Spieler buchstäblich begreifbarer ist.

Quelle Michael Jaegers Homepage

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Thallion
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Mein Sohn ist noch keine 2 Jahre alt und trotzdem überlege ich schon den Kickstarter von So nicht, Schurke! zu unterstützen.

Benny
Gast
Benny

Der wird ja von ganz alleine älter 🙂 ich bin auch dabei, Sohn ist 2, Tochter 14 Tage alt 😀

Raul Ehrwald
PnPnews.de

Mach mit! Bin auch dabei mit meiner zweijährigen Tochter 🙂

Athair
Gast

Mit meinem Neffen (6 J.) spiele ich immer mal wieder „Amazing Tales“.

Tatsächlich hab ich ihm das Buch + Würfel + Box für die ganzen Materialien zu seinem letzten Geburtstag geschenkt.
Amazing Tales finde ich richtig, richtig gut. Es ist sehr simpel, benutzt verschiedene Standard-Rollenspielwürfel (um unterschiedliche Kompetenzgrade anzuzeigen). Es hat außerdem eine Reihe ganz toller Settingsskizzen („Der tiefe, dunkle Wald / Das magische Königreich, vor langer, langer Zeit / Die Piraten-Meere / Jenseits der Sterne“). Das Spiel beinhaltet vor allem konkrete Hilfsmittel und Spieltipps für Erwachsene, die das Spiel für ihre Kinder (und deren Freunde) leiten wollen. Mein Neffe ist jedenfalls ganz begeistert. (Einmal hatten wir eine Stunde gespielt. Es hat eine Viertelstunde gedauert und er wollte noch ein Abenteuer spielen.)

Mir gefällt, dass „Amazing Tales“ nicht gleich mit US-amerikanischen Abgedrehtheiten daherkommt (das können Kinder von ganz allein, wenn sie es wollen). Außerdem lehnt das Spiel Gewalt nicht in pädagogisierender Weise ab. Es verweist darauf, dass sie oft nicht das beste Mittel ist mit Dingen umzugehen. Das finde ich sehr gesund. Gescheiterte Würfelproben führen immer zu neuen, interessanten Situationen und verlangen von den Kids neue Wege mit Schwierigkeiten zu finden.

Ich hab lange ein passendes Spiel gesucht. „Adventure Maximus“ sah nicht schlecht aus – aber da haut die Sprachbarriere voll rein. „No, thank you evil“ find ich zu abgedreht und zu spielmaterial-lastig, … Wirklich gespielt hatte ich mit meinem Neffen mal die Star Wars Beginner Box. Nur mit den Würfeln und ohne die ganzen Detailregeln (die ich wegen ihrer gamistischen Prägung eh als nicht zum Würfelsystem passend empfinde).

Hier noch die Homepage:
https://amazing-tales.net/

Ein Spielbeispiel:
https://www.youtube.com/watch?v=s9vRigap_pk

Rico
Gast
Rico

Hallo Athair
ich spiele mit meinen Kids 4, 11, 13 gerade Turbo Fate, Deponia oder mit den grösseren auch Pathfinder. Amazing Tales schaut mal nicht schlecht aus. Gibts des auch auf Deutsch?